16. Mai 2019

Grundwissen Radio. Eine Chronik des Massenmediums

"Das Radio befindet sich gegenwärtig in einem grundlegenden und eher still vollzogenen Veränderungsprozess. Die Grenzen zu Fernsehen, Print und Online werden neu bestimmt, die Grundbereiche Nachrichten und Politik, Kultur und Unterhaltung, Werbung und Musik neu gemischt. Die Gewissheiten des UKW-Radios sind brüchig geworden. Auch das akustische Medium Hörfunk denkt inzwischen mehrmedial.
„Grundwissen Radio“ beschreibt die Veränderungen des Hörfunks seit den Anfängen in Deutschland 1923 und bezieht auch die ganz aktuellen Entwicklungen mit ein. Erst in der langen Zeitlinie werden die drastischen Veränderungen deutlich, die das Radio in fast 100 Jahren durchgemacht hat. Organisatorisch, technisch, ästhetisch, medial, akustisch". (Aus dem Vorwort zu Grundwissen Radio. Eine Chronik des Massenmediums. München 2019. UVK, utb)

Stimmen:
"Der Autor zeichnet die Geschichte des Radios seit seinem Start im Jahr 1923 bis zur neuen Mobilfunktechnologie 5G nach. ... Durchweg gut verständlich geschrieben. … Empfohlen als Einführung oder Überblick für Studenten, Radiomacher oder Leser mit Interesse am Hörfunk“ (Rouven Hans, ekz.bibliotheksservice 27/2019)

6. Mai 2019

Musik im Hörspiel

"Während die Musik im Radio (quantitativ) immer eine größere Bedeutung als das Wort hatte, dominierte im lange rein öffentlich-rechtlichen Hörspiel (und in der Hörspielforschung) das Wort. Seit dem ersten Hörspiel 1924 wurde Musik zwar integriert, doch sie blieb vor allem Handlungsunterstützung, Hintergrund. Erst die technische Verbesserung der Übertragungswege (UKW), die Umgestaltung der Radiolandschaft unter (musikdominierten) Aspekten und die digitalen Produktionstechniken erhöhten den Stellenwert der Musik. Von der Klassik über Rock und Pop bis zur Rapmusik wurden alle ambitionierten und populären Musikformen auch vom Hörspiel genutzt. Das Hörspiel war für Komponisten und Musiker ein durchaus lukrativer, nicht unbedingt aber hochgeschätzter Markt. Seit den 1960er-Jahren wurden Komponisten bewusst als genreerweiternde Hörspielmacher ermuntert, in den 1970er-Jahren entstanden „Pop-Hörspiele“ und später „Hörspiel-Pop“, seit den 1990er-Jahren drängte die Radiokunst verstärkt auf die neuen CD-Märkte. Schwerer hatte es das (reine) Musikhörspiel etwa in der Tradition der Konkreten Musik. Die Digitalisierung (seit den 1990er-Jahren) und – dann (seit den 2000er-Jahren) – die Adaption filmischer Soundkonzepte wie „Braaam“ aus Hollywood verstärkten erneut den Stellenwert von Musik (und Geräuschen) .... "(In: Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien. 2. Auflage 2019).

5. April 2019

Es begann in Biedenkopf. Willy Brandt, der Wahlkampfauftakt 1969 und die erste soziallberale Koalition

Der 21. August 1969 war ein Donnerstag. In Hessen waren noch Sommerferien, das Wetter war durchwachsen. Immer wieder regnete es. Vor den großen Ferien waren wir mit der Lahntalschule in La Charité-sur-Loire gewesen und hatten uns dann unsere Mittlere Reife bestätigen lassen. Ein neues Lebenskapitel sollte beginnen, Oberstufe, reformierte Oberstufe. Mittags standen wir in Biedenkopf auf dem Marktplatz. Seit Tagen war der Auftritt eines der prominentesten deutschen Politiker angekündigt und beworben worden: Willy Brandt, SPD-Vorsitzender, Vizekanzler der Großen Koalition und Außenminister sollte um 14 Uhr in der Kreisstadt sprechen. Ein Ereignis.
Vor der „Deutschen Bank“ war ein Rednerpult aufgebaut worden. Gegen 13 Uhr begannen die „Marburger Jäger“ auf dem Marktplatz ihr „Platzkonzert“. Wenig später starteten die ersten Omnibusse in Bischoffen, Hartenrod, Niederhörlen, Elmshausen oder Hirzenhain. Über fünf Linien wurden Interessierte aus dem ganzen Hinterland „kostenlos“ zu der vom SPD-Unterbezirk Biedenkopf organisierten Veranstaltung abgeholt. Eine „vieltausendköpfige Menge“ soll es nach Zählungen des „Hinterländer Anzeigers“ (HA) geworden sein; die „Oberhessische Presse“ sah 3000 Männer, Frauen und viele Kinder. Carl-Christian Kaiser freilich, der für die renommierte Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ aus Biedenkopf berichtete, kam nur auf „vielleicht dreihundert, vierhundert Bürger und Bürgerinnen“ … (Hinterländer Geschichtsblätter 1/ 2019, S. 3-5)

16. Dezember 2018

Als Biedenkopf ganz Hessen weckte. Der 'Frankfurter Wecker' im Hinterland

„1949 lud die amerikanische Militärregierung Eberhard Beckmann, den Intendanten des Hessischen Rundfunks zu einer achtwöchigen Studienreise durch die USA ein. In Kalifornien hörte er die Morgensendung 'Der fröhliche Wecker' und war beeindruckt. Eine ähnliche Sendung wollte er auch für Hessen haben: Sie sollte am frühen Morgen live ausgestrahlt werden, vor Publikum stattfinden - und vor allem unterhalten. Am 4. Mai 1952 wurde der erste 'Frankfurter Wecker' live aus dem Funkhaus in Frankfurt ausgestrahlt. Die Veranstaltungsform war damals ein großes und teures Experiment, doch die Matineen wurden landesweit rasch äußerst beliebt. Wenn der 'Wecker'-Tross in den Sommermonaten mit 20 Lastwagen und mehreren Übertragungswagen auf Reisen ging, so berichtete Rüdiger Knott 2016 in der Radiocollage 'Jenseits der Zentren', dann war das in den hessischen Kleinstädten 'das Kulturhighlight des Jahres'. Am 29. Juni 1953 gastierte der 'Frankfurter Wecker' in Biedenkopf. Es war die erste große Radiosendung aus der Region – und für die 6000 Einwohner eine doppelte Sensation. …„ (Jahrbuch für den Landkreis Marburg-Biedenkopf, S. 181-183).

16. Oktober 2018

Schweigend vor Lautsprechern. Gemeinschaftsempfang 1933 im Hinterland

Nach dem 30. Januar 1933 wurden politische Reden in Deutschland zu einem festen Bestandteil des Rundfunkprogramms. Der nationalsozialistische Reichskanzler Adolf Hitler, Joseph Goebbels oder Hermann Göring kamen so oft und prominent ins Radio, dass Zeitgenossen von einem regelrechten „Trommelfeuer“ sprachen. Auch im Hinterland und in Wittgenstein waren die Reden in Berlin und dann in Köln, Dortmund oder Hamburg live im Radio zu hören. Zu Hause – und gemeinsam in öffentlichen Veranstaltungen. Das war, so der in Biedenkopf geborene Historiker Gerhard Paul in meiner Radiocollage „Jenseits der Zentren“, „etwas vollständig Neues“ … . (HinterländerGeschichtsblätter 3/ 2018 vom 15. Oktober 2018)

5. Mai 2018

Totale Überwältigung. Der 1. Mai 1933 als Propagandatag im Radio

Drei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wollte der noch junge deutsche Rundfunk zeigen, was in ihm steckt - und strahlte am 1. Mai 1933, dem neuen "Tag der nationalen Arbeit", ein 16-stündiges Sonderprogramm aus. Zwischen 8.50 Uhr und 1 Uhr nachts gab es nur ein Thema: Arbeit. Arbeiterdichter lasen, Live-Reportagen oder "Arbeiter- und Kampflieder der SA" waren zu hören, auch das Hörspiel "Symphonie der Arbeit" war im Programm. Es war ein "medialer Paukenschlag", wie die Kulturhistorikerin Inge Marszolek schrieb, und es war eine Generalprobe. Derartiges hatte es noch nicht gegeben. Mittelpunkt des Sonderprogramms waren Live-Übertragungen von zwei Großveranstaltungen in Berlin ... " (epd medien vom 27. April 2018)

10. Januar 2018

Als der Hörfunk ins Hinterland kam – und das Hinterland ins Radio


"Bereits im Juni 1924, zwei Monate nach Start des SWR, versuchte der „Gewerbeverein“ in Biedenkopf „an gewitterfreien Tagen“ gemeinsames Radiohören zu ermöglichen. Ähnlich wie im Kino sollten die Mitglieder für 10 Pfennig Eintritt (Nichtmitglieder: 50 Pfennig) täglich ab 20 Uhr im „Gewerbeschulgebäude“ gemeinsam Rundfunk hören können. Doch das Experiment scheiterte rasch. Schon zwei Tage nach der Ankündigung wurde das Projekt „mangels Besuch, wegen zu hoher Unkosten und ungünstiger Wetterverhältnisse“ wieder eingestellt. Eine Infrastruktur für stabilen Radioempfang war im Hinterland noch nicht vorhanden. Radio war kein Kino, die Lust am reinen, flüchtigen Hören erst schwach ausgebildet, vielleicht sogar fremd. Und nur sehr wenige Biedenkopfer sahen – wie ein unbekannter Leserbriefschreiber - in dem neuen Medium ein neues „Bildungsmittel“, das die Ferne zu den „Mittelpunkten des geistigen und künstlerischen Lebens“ der Weimarer Republik mildern könnte. ..." (Jahrbuch für den Landkreis Marburg Biedenkopf 2018)

1. Dezember 2017

Kraftfelder


2001 veröffentlichte der große Theoretiker und Erzähler John Berger einen kurzen Text über Radio und Hörspiel – und brachte einen neuen Begriff in die Debatte: „Das Hörspiel“, so Berger, der 1996 für das „Hörspiel des Jahres“ geehrt wurde, „sei keine Frage des Lesens von Wörtern“. Es müsse „Kraftfelder“ ermöglichen.
Berger positionierte sich gegen rasch gelesene Literatur, die keine Energie, keine Kraftfelder entstehen lasse. Der Befund wäre auf das Verhältnis von Wort, Musik und Geräusch auszuweiten. Bereits 1963 – in der Übergangsperiode vom Mittelwellen- zum UKW-Mono-Hörspiel und in den Hochzeiten von Günter Eich und Fred Hoerschelmann – hatte sich Heinz Schwitzke mit dem Problem auseinandergesetzt: „Der beste Gebrauch von Musik und Geräusch im Hörspiel ... (In: Seismographie des Hörspiels. Hrsg.: Deutsche Akademie der Darstellenden Künste. München (Belleville) 2017).

11. August 2017

Als Biedenkopf ganz Hessen weckte. Der 'Frankfurter Wecker' kommt in den 50er und 60er Jahren mehrfach aus dem Hinterland

1949 lud die amerikanische Militärregierung Eberhard Beckmann, den Intendanten des hessischen Rundfunks zu einer achtwöchigen Studienreise durch die USA ein. In Kalifornien hörte er die Morgensendung „Der fröhliche Wecker“ und war beeindruckt. Eine ähnliche Sendung wollte er auch für Hessen haben: Sie sollte am frühen Morgen live ausgestrahlt werden, vor Publikum stattfinden - und vor allem unterhalten.
Am 4. Mai 1952 wurde der erste „Frankfurter Wecker“ live aus dem Funkhaus in Frankfurt ausgestrahlt. Die Veranstaltungsform war damals ein großes und teures Experiment, doch die Matineen wurden landesweit rasch äußerst beliebt. Wenn der „Wecker“-Tross in den Sommermonaten mit 20 Lastwagen und mehreren Übertragungswagen auf Reisen ging, so berichtete Rüdiger Knott 2016 in meiner Radiocollage „Jenseits der Zentren“, dann war das in den hessischen Kleinstädten „das Kulturhighlight des Jahres“.(Hinterländer Anzeiger vom 5. August 2017).

9. Mai 2017

Fakten und Fake News. Modernisierungsprozesse in den Medien

Ende des 19. Jahrhunderts veränderte der Siegeszug der Telegraphie die Informationsübermittlung gravierend. Erstmals, so schreibt Neil Postman 1985 in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", wurde die "Idee der kontextlosen Information" marktfähig. Einst regional gebundene Informationen waren nun weitgehend zeitgleich überall nutzbar, aus "funktionalen Informationen" wurden "dekontextualisierte Fakten". Nach und nach strahlte das telegrafische Modell auf die Presse aus, dann auf das Radio und die anderen elektronischen Medien. "Zusammenhanglosigkeit", so Postman, "erhielt Eingang in den Diskurs". In den 1990er Jahren gewannen diese dekontextualisierten Fakten auch im bundesdeutschen Mediensystem an Bedeutung. Am Anfang dieser Modernisierung stand ... (Telepolis vom 9. Mai 2017)

6. April 2017

Als das Radio ins Hinterland kam. Von der ersten Hörfunksendung bis zur Idee des Volks-Fernsehers

Am 29. Oktober 1923 startete der Hörfunk in Deutschland und vielleicht 500 Menschen in und um Berlin konnten die ersten Sendungen aus dem Vox-Haus hören. Ein halbes Jahr später, am 1. April 1924 folgte die Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG (SWR) in Frankfurt. Ihr Hörfunkprogramm konnte vor allem im Großraum Frankfurt-Kassel empfangen werden - und damit auch im Hinterland.
Anfang 1924 erschienen die ersten Anzeigen für Hörfunkgeräte im "Hinterländer Anzeiger". Radio war von einem Massenmedium noch weit entfernt - und so war es auch nicht besonders überraschend, dass zunächst Radiohändler aus Großstädten annoncierten. "Rud. Mosse" aus dem fernen Frankfurt inserierte im Hinterland, Jakob Bastians Nachfolger (Wetzlar) und die "Südwestdeutsche Radio-Amato-Gesellschaft". Der "Radio-Vertrieb Th. Steinheim & Söhne" (Frankfurt) bot "sämtliche Apparate und Einzelteile" an. "Verlangen Sie unsere Preisliste gratis" ....(Hinterländer Geschichtsblätter vom 31. März 2017)