11. August 2017

Als Biedenkopf ganz Hessen weckte. Der 'Frankfurter Wecker' kommt in den 50er und 60er Jahren mehrfach aus dem Hinterland

1949 lud die amerikanische Militärregierung Eberhard Beckmann, den Intendanten des hessischen Rundfunks zu einer achtwöchigen Studienreise durch die USA ein. In Kalifornien hörte er die Morgensendung „Der fröhliche Wecker“ und war beeindruckt. Eine ähnliche Sendung wollte er auch für Hessen haben: Sie sollte am frühen Morgen live ausgestrahlt werden, vor Publikum stattfinden - und vor allem unterhalten.
Am 4. Mai 1952 wurde der erste „Frankfurter Wecker“ live aus dem Funkhaus in Frankfurt ausgestrahlt. Die Veranstaltungsform war damals ein großes und teures Experiment, doch die Matineen wurden landesweit rasch äußerst beliebt. Wenn der „Wecker“-Tross in den Sommermonaten mit 20 Lastwagen und mehreren Übertragungswagen auf Reisen ging, so berichtete Rüdiger Knott 2016 in meiner Radiocollage „Jenseits der Zentren“, dann war das in den hessischen Kleinstädten „das Kulturhighlight des Jahres“.(Hinterländer Anzeiger vom 5. August 2017).

9. Mai 2017

Fakten und Fake News. Modernisierungsprozesse in den Medien

Ende des 19. Jahrhunderts veränderte der Siegeszug der Telegraphie die Informationsübermittlung gravierend. Erstmals, so schreibt Neil Postman 1985 in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", wurde die "Idee der kontextlosen Information" marktfähig. Einst regional gebundene Informationen waren nun weitgehend zeitgleich überall nutzbar, aus "funktionalen Informationen" wurden "dekontextualisierte Fakten". Nach und nach strahlte das telegrafische Modell auf die Presse aus, dann auf das Radio und die anderen elektronischen Medien. "Zusammenhanglosigkeit", so Postman, "erhielt Eingang in den Diskurs". In den 1990er Jahren gewannen diese dekontextualisierten Fakten auch im bundesdeutschen Mediensystem an Bedeutung. Am Anfang dieser Modernisierung stand ... (Telepolis vom 9. Mai 2017)

6. April 2017

Als das Radio ins Hinterland kam. Von der ersten Hörfunksendung bis zur Idee des Volks-Fernsehers

Am 29. Oktober 1923 startete der Hörfunk in Deutschland und vielleicht 500 Menschen in und um Berlin konnten die ersten Sendungen aus dem Vox-Haus hören. Ein halbes Jahr später, am 1. April 1924 folgte die Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG (SWR) in Frankfurt. Ihr Hörfunkprogramm konnte vor allem im Großraum Frankfurt-Kassel empfangen werden - und damit auch im Hinterland.
Anfang 1924 erschienen die ersten Anzeigen für Hörfunkgeräte im "Hinterländer Anzeiger". Radio war von einem Massenmedium noch weit entfernt - und so war es auch nicht besonders überraschend, dass zunächst Radiohändler aus Großstädten annoncierten. "Rud. Mosse" aus dem fernen Frankfurt inserierte im Hinterland, Jakob Bastians Nachfolger (Wetzlar) und die "Südwestdeutsche Radio-Amato-Gesellschaft". Der "Radio-Vertrieb Th. Steinheim & Söhne" (Frankfurt) bot "sämtliche Apparate und Einzelteile" an. "Verlangen Sie unsere Preisliste gratis" ....(Hinterländer Geschichtsblätter vom 31. März 2017)

10. März 2017

Jenseits der Zentren. Radio in Wittgenstein und im Hinterland

Mitte 2016 begann im Internationalen Radiomuseum in Bad Laasphe das Pilotprojekt „Radio in Wittgenstein und im Hinterland“. Die beiden Regionen liegen zwischen Siegen und Marburg im östlichen Nordrhein-Westfalen und im westlichen Hessen.
Die Radiocollage „Jenseits der Zentren“ schildert mehr als 90 Jahre Radiogeschichte. Sie entstand unter der Leitung des Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Krug und in Zusammenarbeit mit der Servicestelle Bürgerfunk Siegen-Wittgenstein und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Es ist die erste Geschichte des Radios in dieser Region, vermutlich die erste Radiogeschichte einer Region überhaupt. Mitwirkende waren: Heinz Willi Bach, Hochschullehrer und 1967 Piratenfunker in Marburg; Otto Düsberg, Bürgermeister a.D. in Bad Laasphe; Rüdiger Knott, in den 1950er Jahren Journalist in Frankenberg und ehemaliger Leiter von NDR 90,3; Hans-Jürgen Krug, Medienwissenschaftler und im Hinterland aufgewachsen; Hans Necker, Direktor des Radiomuseums in Bad Laasphe; Gerhard Paul, in Biedenkopf aufgewachsen und zuletzt Professor für die Didaktik der Geschichte in Flensburg; Werner Reichel, Steinmetz, 80 Jahre und Geschichtenerzähler; Waltraud Schäfer, stellvertretende Landrätin des Kreises Siegen-Wittgenstein.
Ursendung: Radio Siegen, Bürgerfunktermin (18. November 2016, 20.03 Uhr - 21 Uhr). Wiederholungen: Tide 96.0, Hamburg (30. November 2016 und 29. Dezember 2016) und Radio Unerhört Marburg (12. Januar 2017). Öffentliche Uraufführung: Internationales Radiomuseum, Bad Laasphe (1o. März 2017)
Reaktionen:
"Eine spannende Zeitreise durch 90 Jahre Radio" (Patrick Friedland, derwesten)
"Wer Gelegenheit hat ... Krugs Feature zu hören, sollte es tun" (Christian Bartels/ epd medien)

14. Februar 2017

Wenn Zuschauer mitreden. Wie das Feedback ins Fernsehen kam

Am Anfang war eine Fernsehdokumentation. Als der WDR am 5. und 6. Oktober 1966 den Zweiteiler "Heia Safari - die Legende von der deutschen Kolonialidylle" sendete, war die rund 30 Jahre währende deutsche Kolonialzeit in Afrika weitgehend vergessen. Historiker hatten die Episode noch nicht für sich entdeckt, Filmaufnahmen aus der Zeit gab es kaum - und so ermöglichte der WDR dem Autor Ralph Giordano zweieinhalb Monate Spurensuche in Afrika. Man hatte noch reichlich Geld in Köln.
Giordano wollte nicht nur recherchieren, sondern das stille Einverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft über die Kolonialjahre aufbrechen - und die Programmverantwortlichen, Chefredakteur Franz Wördemann und Redaktionsleiter Dieter Gütt, unterstützten ihn dabei ... (epd medien 6 vom 10. Februar 2017. 

6. Januar 2017

Senden war ihr Hobby. Piratenradios in den 60er Jahren in Marburg

Anfang September 1967 wurde in Teilen von Marburg das Fernsehprogramm immer wieder gestört. Es gab schwarze Streifen auf den Bildschirmen und deshalb wandten sich verärgerte Zuschauer an den Störungsdienst der Post. Derweil freuten sich Schüler in der Universitätsstadt über Radio City, einen unregelmäßig sendenden Piratensender mit viel Beatmusik. Dann war plötzlich Schluss. Der "Pirat" war weggezogen. Aber andere sendeten weiter. 
Britische Piratensender wie Radio Caroline hatten das Schwarzsenden auch bei jungen Deutschen populär gemacht. Um 1966 baute sich Heinz-Willi Bach, damals Schüler an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) seine eigene Sendeanlage und sendete als "Two Seven O" schwarz auf UKW. Ein Tonbandgerät, ein Mikrofon, einen Transistorsender und technische Kenntnisse, mehr brauchte er nicht... (epd medien 1 vom 6. Januar 2017)

29. November 2016

Busen, Blut und blaue Bohnen. Als die Sexfilme (auch) ins Hinterland kamen

Ende der 1960er Jahre veränderten sich die kleinstädtischen Öffentlichkeiten. Die sexuelle Revolution kam in den Kinos an - und die Sexbilder, die bisher unter Ladentischen verkauftworden waren, wurden nun auch im Hinterland für jeden sichtbar. Noch wurden sie eher verschämt und fast heimlich in den Ecken der Kinoschaukästen gezeigt. Aber sie waren da. Und sie wurden zur Begleiterscheinung des modernen Aufwachsens. Ich erinnere mich noch gut, wie wir die Nasen an den Ausstellungsfenstern des Royal-Theaters am Biedenkopfer Marktplatz plattdrückten. Nach der Schule, wenn wir auf den Bus warten mussten. Oder wenn wir Schutz vor Regen suchten. Was sich
hinter den Fotos verbarg, sollte uns noch lange verborgen bleiben. Die offenherzigen Filme waren erst ab 18 freigegeben. Erwachsenenware. ... (Heimat an Lahn und Dill vom 26. November 2016)

2. Juli 2016

Silent News. Nachrichten zwischen Facebook und Fernsehen

Die Nachrichtensendungen im Fernsehen verändern sich seit geraumer Zeit rapide. Die Neuigkeiten werden nicht mehr nur bebildert oder von Sprechern verlesen, sie werden auch immer stärker grafisch gestaltet (PowerPoint).
Auf den Bildschirmen blinken mehr und mehr Zahlen auf, Namen, Funktionen, Kurztexte - und sogar Fragen sind inzwischen newsfähig geworden. "Wie geht es weiter in Idomeni?" hob etwa die Nachrichtensendung "heute plus" (ZDF) im März in sendungstypischem Gelb hervor. Doch wozu diese Verstärkungen? Die Ursachen des ploppenden "Fragenbooms" dürften nicht in der Pädagogik zu suchen sein, sondern in der "Technik" ... (Telepolis vom 16. Juni 2016)

28. April 2016

Rapider Wandel. Über Medien und Massenmedien

"Neue Techniken, so formulierte der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon Ende der 1960er-Jahre, schaffen neue Umwelten. Doch diese neuen Umgebungen bleiben in der Regel zunächst unsichtbar. Wir leben schon in ihnen, aber wir erkennen sie (noch) nicht. Wir nehmen sie in den Begriffen von gestern wahr.
Presse, Radio und Fernsehen, Tonband, Kassette und Videorecorder dominierten bis in die 1990er-Jahre unsere massenmedialen Umwelten. Dann folgten Computer, Internet, Smartphone – und mit ihnen weitere ganz neue elektronische Umwelten. Sie entstanden zunächst neben den tradierten Angeboten. Dann veränderten sie – der Beschreibung noch weitgehend entzogen – auch diese grundlegend.
Die hier versammelten Beiträge über Medien und Massenmedien verstehen sich als "Probes" (McLuhan), als Erkundungen unsichtbarer moderner Medien(um)welten" (Klappentext) (Erstveröffentlichung 1/ 2015) (Mehr)

4. Februar 2016

Hass und Hasskultur - Das neue massenmediale Phänomen

Deutschland verwandelt sich - und zu den auffälligsten Veränderungen scheint eine "neue Wut- und Hasskultur" (Christian Stöcker) zu gehören.
Die Beschreibungen von Wut, Zorn oder Hass jedenfalls häufen sich in den Massenmedien. Seit dem rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 und der Silvesternacht in Köln soll sich "der Hass im Netz immer gewaltiger Bahn" gebrochen haben. Kurz: "Hass ist gesellschaftsfühig geworden" (Heinz Bude) ...
Es gibt bisher keine Kulturgeschichte des Hasses. Aber Religionen haben früh Hassgeschichten festgehalten, die von Kain und Abel etwa oder von Jakob und Esau. Und einige Soziologen ordnen Hass vor allem Gemeinschaften zu, weniger modernen Gesellschaften. "Wirklicher Hass und wirkliche Feindschaft", so Lars Clausen, sind "nur in der Gemeinschaft üblich … Gemeinschaft bedeutet auch Dauerhass, Dauerablehnung, Dauerbetrug, dauerhafte Bosheit". (Telepolis vom 4. Februar 2016) 

11. Dezember 2015

"Das schönste Geschenk: Ein Radioapparat" - Der Rundfunk kam vor acht Jahrzehnten ins Hinterland

Am 29. Oktober 1923 startete der Hörfunk in Deutschland und vielleicht 500 Menschen in und um Berlin konnten die ersten Sendungen aus dem Vox-Haus hören. Ein halbes Jahr später folgte die Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG in Frankfurt. Ihr Hörfunkprogramm konnte vor allem im Großraum Frankfurt-Kassel empfangen werden - und damit auch im Hinterland. Ende 1924 erschienen die ersten Anzeigen für Hörfunkgeräte im "Hinterländer Anzeiger". Radio war noch längst kein Massenmedium - und so war es auch nicht besonders überraschend, dass ein "Radio-Vertrieb Th. Steinheim & Söhne" im fernen Frankfurt den Hinterländer Lesern "sämtliche Apparate und Einzelteile" anbot. "Verlangen Sie unsere Preisliste gratis". 
Wie viele Hörer im Hinterland bereits 1924 Radiogeräte und eine Lizenz zum Hören besaßen, ist unbekannt. Aber es gab sie. ... (weiter) (Hinterländer Anzeiger vom 12. Dezember 2015)