29. Oktober 2022

Wurzelböden. Vor 50 Jahren: Abiturjahrgang 1972 in Biedenkopf

Irgendwann wurden an der Lahntalschule (LTS) in Biedenkopf die traditionellen Schulbücher durch selbst gekaufte Bücher ergänzt. Sie mussten nach der Lektüre nicht zurückgegeben werden, sondern blieben im Besitz der Gymnasiasten. Nach und nach gesellten sich nun neue Bücher zu den wenigen Kinder- und Jugendbüchern, die ich damals besaß. Am 19. März 1967 wurde ich konfirmiert. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, steht im meiner Konfirmationsurkunde. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6).“ Ich war nun religiös mündig, kirchlich erwachsen, abendmahlberechtig - und besaß eine eigene, nagelneue und teure Bibel. Mein Name war in Gold eingeprägt. Am 8. Juli fuhr meine Klassenstufe nach Glücksburg ins Ferienlager des Kreises Biedenkopf.

Das erste von mir (bzw. meinen Eltern) für den Unterricht erworbene Buch war das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann. Gelesen „Juli 1967“ habe ich damals in das dünne, 55-seitige Büchlein geschrieben. Gelesen, das hieß: ..." (Wurzelböden. Vor 50 Jahren: Abiturjahrgang 1972 in Biedenkopf. In: Hinterländer Geschichtsblätter 3/ 2022, S. 113-118/ Beilage zum Hinterländer Anzeiger)

30. Oktober 2021

20 Jahre WDR 3 Kulturpartnerschaften in 20 Kapiteln

„WDR 3 wird 1998 – wie alle anderen WDR-Radioprogramme zuvor – zu einer 'Radiowelle' und erhält 1999 erstmals eine Wellenleitung. Das Programm erlebt die größten Veränderungen seiner mehr als 30-jährigen Geschichte. Aus dem kästchenorganisierten Mischprogramm soll sich ein eigenständiges Kulturprogramm mit originärer Orientierung an der nordrhein-westfälischen Kultur entwickeln. WDR 3 trägt den Claim 'Das Kulturereignis' und soll als Welle eine eigene durchgängige Ästhetik erhalten. Neue Zielgruppen und neue Hörer:innen sollen erschlossen werden.

Der erste Programmchef der neuen Welle ist Karl Karst. Er wird das Programm zwei Jahrzehnte lang von 1999 bis 2019 prägen. Karst beginnt sofort, die Formate zu überprüfen und das Programm weiter in der nordrhein-westfälischen Kulturszene zu verankern. Dazu entwickelt er die WDR 3 Kulturpartnerschaften. Es sind die ersten dauerhaften Partnerschaften zwischen Kultureinrichtungen eines Landes und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland ….“ (20 Jahre WDR 3 Kulturpartnerschaftenin 20 Kapiteln. WDR 3, 2021)

28. Oktober 2021

Radio, Hörbuch, Podcast, Plattform. Zur Geschichte des Hörspiels

"Die Zahl der in Deutschland gesendeten Hörspiele ist unbekannt, doch es dürften – so hat Christoph Buggert, der langjährige Hörspielchef des Hessischen Rundfunks, 2004 geschätzt, weit über 100.000 Titel sein. Und nur die wenigsten sind noch erhalten oder noch bekannt. 

Denn das Hörspiel, die genuine Kunst des gebührenfinanzierten Radios, war seit seinen Anfängen 1924 eine extrem flüchtige Kunst. Niemand konnte die ersten Hörspiele aufzeichnen. Sie wurden live in improvisierten „Studios“ inszeniert und einmalig über Mittelwelle gesendet – dann waren sie unwiederbringlich verloren. Das Hörspiel war und ist eine technische Kunst. Wer ein Hörspiel hören wollte, musste einen Radioapparat besitzen und ihn zu einer bestimmten Zeit einschalten. Ohne Radioapparat gab es kein Hörspiel.

Das Hörspiel entstand als regionale Radiokunst.... (Poltik und Kultur, 11/2021, S. 20)


15. Oktober 2021

„Es kommt ja niemand zum Tanzen“ - Über die Anfänge des Fernsehens im Hinterland

Besucher des Landgrafenschlosses in Biedenkopf konnten am 22. Mai 1953 nicht nur über die Kreisstadt und das Lahntal schauen, sondern in die Welt. Radio Pfeil hatte auf der Schlossterrasse einen Fernsehapparat der Firma Grundig aufgestellt, einen der ersten im Hinterland. Das Fernsehen war in Deutschland noch kein halbes Jahr alt. Weihnachten 1952 hatte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit der Ausstrahlung eines regulären Fernsehprogramms begonnen. Der Empfang auf der Schlossterrasse war an diesem Freitagabend sehr gut – und so konnten die Interessierten nicht nur die „Tagesschau“ (20.00 Uhr) sehen, sondern auch einen Kulturfilm sowie – nach 21.15 Uhr – die dreißigminütige Dokumentation „Endstation Fernsehen. Ein Querschnitt durch 50 Jahre deutscher Funktechnik“. Der Fernsehtag klang mit „Kurt Wege mit seinen Solisten“ (21.45 Uhr) aus. 

Auch in Gladenbach … (Hinterländer Geschichtsblätter 3/ 2021, Seite 81-86)

7. September 2021

Die fröhliche Welle

 "1957 begann die Compagnie Luxembourgeoise de Télédiffusion (CLT) mit der Ausstrahlung des deutschsprachigen Hörfunkprogramms „Radio Luxemburg“. Das neue Programm wurde ausschließlich durch Werbung finanziert, zunächst nur von 14 bis 18 Uhr über Mittelwelle (MW) ausgestrahlt und fand vor allem in Deutschland begeisterte Hörer. Hier gab es bis in die 1980er Jahre nur gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Radio Luxemburg sendete in eine transnationale Nische. Katja Berg hat die neue „Grenzenlose Unterhaltung“ (so der Buchtitel) durch Radio Luxemburg nun erstmals umfassend rekonstruiert. Ihre gut lesbare Dissertation beschreibt ... (Damals vom 3. September 2021)


18. März 2021

Handwerker und Henker auf dem Hof. Hausschlachtung in Niederdieten um 1980

"Als Siegfried das erste Schwein aus dem Stall holte, stand Rudolf abwesend und traurig daneben. Als Herbert die Sau mit einem zwischen den Augen angesetzten Bolzenschuss betäubt hatte, war seine Trauer verflogen, seine Abwesenheit nicht mehr der Situation angemessen. Handlungsort ist Rudolfs Hof, gelegen im Mittelpunkt des hessischen Dorfes Niederdieten. Einsehbar blieb der Vorgang für jeden, der ihn einsehen wollte. Schwierig gestaltete sich die Betäubung des Schweins nicht. Aus dem Stall hervortrottelnd und wenig widerspenstig musste es nur an den dafür vorbestimmten Platz dirigiert werden — eine ehemalige Mistpitze, in der sich seine Vorfahren noch gesuhlt hatten. Instinktiv folgte das Tier ihrer Spur, ahnungslos dem Kommenden ausgesetzt ... "(In: Hinterländer Geschichtsblätter 1/ 2021, S. 65- 68)

22. Juni 2020

Kleine Geschichte des Hörspiels (3. überarbeitete und erweiterte Auflage)

"Die Digitalisierung hat inzwischen alle Medien ergriffen und auch die Radiokunst und das Hörspiel tiefgreifend verändert. Hörspiele gibt es heute nicht mehr nur im Radio, man kann sie auch in Theatern, Kinos, Clubs, Stadien oder Parks hören, als Hörbuch erwerben oder einfach aus dem Internet herunterladen. Hörspiel ist überall und bietet in der neuen Surround-Technik sogar Rundumhörgenuss.
Das Hörspiel entstand in den 1920er-Jahren als arteigene Kunst des Radios, konnte zunächst nur über Mittelwelle empfangen werden und wurde rasch zur ›Krönung des Funks‹. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die junge, flüchtige Radiokunst populär wie nie und erlebte vor allem mit Günter Eich ihre literarisch geprägte Blütezeit. Seit den 1980er-Jahren wurde Musik für die Gattung immer wichtiger, seit den 1990er-Jahren das nun formatierte Radioumfeld. Heute konzentriert sich das öffentlich-rechtliche Hörspiel auf Serien und vielstündige Adaptionen  bedeutender Romane. Das flüchtige Medium ist als Hörbuch oder Podcast dauerhaft geworden. Das Hörspiel ist eine akustische Kunst und eine offene Kunstform. Es beruht auf Wort, Musik sowie Geräusch und ist die einzige Kunstgattung, die nur gehört werden kann.
Der Autor erzählt die wechselvolle Geschichte der Hörspiele zwischen 1924 und 2020. Er beschreibt, wie technische, programmgeschichtliche, ästhetische und personelle Veränderungen in fast 100 Jahren die Radiokunst immer wieder herausforderten und veränderten. Und er berücksichtigt die Arbeit ihrer RegisseurInnen, SprecherInnen und KomponistInnen, ohne die eine moderne Geschichte des Hörspiels nicht auskommen kann"
 
Stimmen:

“Das kompakte Buch hat sich als Standardwerk etabliert und ist aus einer Bibliothek zum deutschsprachigen Hörspiel nicht wegzudenken.” (Günter Rinke: “Hörfunk und Fernsehen. Sammelrezension: Hörspiel”, MEDIENwissenschaft 1/2021)

“Über die Jahrzehnte hat der Rundfunk mit Abertausenden von Produktionen eine eigene Ästhetik entwickelt und Maßstäbe gesetzt. Zu Recht fragt daher der Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug in seiner gar nicht so „Kleinen Geschichte des Hörspiels“, die soeben in überarbeiteter Fassung neu aufgelegt wurde, warum das Hörspiel als eigenständige Kunstform an Schulen und Universitäten keine Rolle spielt. Das Hörspiel als eine aus Worten, Geräuschen, Effekten, Atmosphären und Musiken erzählte Geschichte hat sich als Kunstgattung längst etabliert. Diese nicht nur zu rezipieren, sondern auch zu erforschen, wäre ein lohnendes Ziel.” (Sandra Kegel: „Stimmen hören fördert Ihre Gesundheit“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2020) (Mehr).

19. Januar 2020

Wasser ist zum Baden da. Eine kleine Geschichte der Schwimmbäder im Kreis Biedenkopf

Erinnerung I
Am Anfang war die Blechwanne im Garten meiner Großeltern in Niederdieten. Mitte der 1950er Jahre pumpten sie im Sommer gelegentlich Brunnenwasser in die Wanne. Es war eiskalt. Wir planschten im Wasser, brachten es zum Überschwappen. Rasch wurde es weniger. An der Oberfläche sammelten sich Fliegen und Grassamen. Im Stall standen noch zwei Kühe. Später gingen wir manchmal zum schon lange zugeschütteten „Mehlgrowe“. Das aufgestaute Wasser war vielleicht vierzig Zentimeter tief, es stand fast. Krebsereich, stichlingsreich – und offenbar sehr sauber.

Flüsse, Wehre, Bäche
Flüsse waren auch im Hinterland lange die einzigen öffentlichen Bademöglichkeiten. „Zum Baden“, schrieb 1835 Bezirksarzt Deibel an seine Vorgesetzten, „ist außer der Nähe des Lahnflußes wenig Gelegenheit, und wird, wo es möglich ist, nur von der Jugend und
namentlich von den Knaben benutzt“.
1901 wurde ein „Badeverein“ gegründet. Vorsitzender war Professor Julius Esau, der Direktor des Biedenkopfer Gymnasiums, Gründungsmitglieder waren städtische Honoratioren: Heinzerling, Hosch, Pfeil, Plack, Plitt, Stephani. Die erste „Schwimm- und Badeanstalt“ wurde bei der Obermühle errichtet. Sie war auch während des 1. Weltkrieges geöffnet: für Damen werktags von 9 bis 10 und von 3 bis 5 Uhr, für Herren von 7.30 bis 9, 10 bis 12 und 5 bis 8 Uhr. Und auch die Schüler hatten ihre Zeiten. Lange stand in Biedenkopf das einzige Bad weit und breit ...“ (In: Hinterländer Geschichtsblätter Nr 4./ 2020, S. 25-29)

25. November 2019

Willy Brandt in Biedenkopf. Auftakt zum Kanzler-Wahlkampf 1969

„Der 21. August 1969 war ein Donnerstag, und in Hessen waren noch Sommerferien. Der Ausnahmezustand, in den Andreas Baader, Gudrun Ensslin und rund 200 APO-Aktivisten am 28. Juni das Jugendheim Staffelberg und die Stadt Biedenkopf versetzt hatten, schien vorbei. Auch die Revolte machte Ferien.
Nur Petrus blieb aktiv. Immer wieder regnete es, auch in Biedenkopf. Und dann – mitten im Sommerloch – wurde hoher Besuch angekündigt: Willy Brandt, der SPD-Vorsitzende, Vizekanzler der Großen Koalition, Außenminister und einer der bekanntesten deutschen Politiker kam überraschend nach Biedenkopf. Am 21. August – so meldete der „Hinterländer Anzeiger“ – wolle er um 14 Uhr „ein kurzes Referat über Tagesfragen“ halten und „das SPD-Programm erläutern“---- (Willy Brandt in Biedenkopf. Auftakt zum Kanzler-Wahlkampf 1969. In: Jahrbuch 2020 des Landkreises Marburg-Biedenkopf, S. 203 – 206)

15. Mai 2019

Grundwissen Radio. Eine Chronik des Massenmediums

"Das Radio befindet sich gegenwärtig in einem grundlegenden und eher still vollzogenen Veränderungsprozess. Die Grenzen zu Fernsehen, Print und Online werden neu bestimmt, die Grundbereiche Nachrichten und Politik, Kultur und Unterhaltung, Werbung und Musik neu gemischt. Die Gewissheiten des UKW-Radios sind brüchig geworden. Auch das akustische Medium Hörfunk denkt inzwischen mehrmedial.
„Grundwissen Radio“ beschreibt die Veränderungen des Hörfunks seit den Anfängen in Deutschland 1923 und bezieht auch die ganz aktuellen Entwicklungen mit ein. Erst in der langen Zeitlinie werden die drastischen Veränderungen deutlich, die das Radio in fast 100 Jahren durchgemacht hat. Organisatorisch, technisch, ästhetisch, medial, akustisch". (Aus dem Vorwort zu Grundwissen Radio. Eine Chronik des Massenmediums. München 2019. UVK, utb)

Stimmen:
"Der Autor zeichnet die Geschichte des Radios seit seinem Start im Jahr 1923 bis zur neuen Mobilfunktechnologie 5G nach. ... Durchweg gut verständlich geschrieben. … Empfohlen als Einführung oder Überblick für Studenten, Radiomacher oder Leser mit Interesse am Hörfunk“ (Rouven Hans, ekz.bibliotheksservice 27/2019)

6. Mai 2019

Musik im Hörspiel

"Während die Musik im Radio (quantitativ) immer eine größere Bedeutung als das Wort hatte, dominierte im lange rein öffentlich-rechtlichen Hörspiel (und in der Hörspielforschung) das Wort. Seit dem ersten Hörspiel 1924 wurde Musik zwar integriert, doch sie blieb vor allem Handlungsunterstützung, Hintergrund. Erst die technische Verbesserung der Übertragungswege (UKW), die Umgestaltung der Radiolandschaft unter (musikdominierten) Aspekten und die digitalen Produktionstechniken erhöhten den Stellenwert der Musik. Von der Klassik über Rock und Pop bis zur Rapmusik wurden alle ambitionierten und populären Musikformen auch vom Hörspiel genutzt. Das Hörspiel war für Komponisten und Musiker ein durchaus lukrativer, nicht unbedingt aber hochgeschätzter Markt. Seit den 1960er-Jahren wurden Komponisten bewusst als genreerweiternde Hörspielmacher ermuntert, in den 1970er-Jahren entstanden „Pop-Hörspiele“ und später „Hörspiel-Pop“, seit den 1990er-Jahren drängte die Radiokunst verstärkt auf die neuen CD-Märkte. Schwerer hatte es das (reine) Musikhörspiel etwa in der Tradition der Konkreten Musik. Die Digitalisierung (seit den 1990er-Jahren) und – dann (seit den 2000er-Jahren) – die Adaption filmischer Soundkonzepte wie „Braaam“ aus Hollywood verstärkten erneut den Stellenwert von Musik (und Geräuschen) .... "(In: Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien. 2. Auflage 2019).