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11. November 2024

„Bis auf Weiteres“ Die erste Coronawelle im Hinterland – zweiter Teil des zweiteiligen Rückblicks

24. April, Fr.: Die Geschäfte sind wieder geöffnet – aber der Konsum hat sich verändert. Auch im Hinterland. Heute berichtet der „Hinterländer“ aus Gladenbach. Das Modehaus Krug hat seine Ladenfläche durch „mit Folien überzogene Bauzäune“ verkleinert, Bellersheim hat Einbahnstraßen eingerichtet, beim Eiscafé San Remo kann man das Eis am Eingang abholen. Einkaufswagen, Transponderchips oder Kleiderhacken werden zur Zählung und Begrenzung der Kundenzahlen eingesetzt, Mitarbeiter oder Sicherheitsdienste kontrollieren. Es gibt Hygienestationen. Überall „Kreativität“, aber auch erschwerte Bedingungen, Pedanterie. Eis darf nicht in „essbaren“ Behältern verkauft und muss 50 Meter vom Geschäft entfernt verzehrt werden. Und die Ordnungsämter? Sie versuchen „Testkäufe ... (Hinterländer Geschichtsblätter 3/ 2025, S. 177-181)

13. August 2024

'Bis auf Weiteres'. Die erste Corona-Welle 2020 im Hinterland - ein Rückblick in zwei Teilen

"27. Februar 2020, Do.
Wuhan! Ein Ort in China ist plötzlich weltbekannt geworden. Hier soll das Zentrum einer neuen, rätselhaften Krankheit sein: Covid-19, kurz: Corona. Abends fragt Maybrit Illner (ZDF) in ihrer Talkshow: „Coronavirus ohne Grenzen – wie gut ist Deutschland vorbereitet?“ Mit dabei sind Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Virologe Christian Drosten. Drosten warnt: „Die Pandemie ist nicht aufzuhalten“.

2. März 2020, Mo.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) setzt die Corona-Gefahr von „gering“ auf „mäßig“. In den Medien und vor allem in den Talkshows wird eine neue Berufsgruppe immer bedeutender: die Virologen. Drosten, Melanie Brinkmann und heute – bereits um 20.15 Uhr bei „Hart aber fair“ (Das Erste) - Alexander Kekulé.

9. März 2020, Mo.
Neue Ambivalenzen dringen auch andernorts in den Alltag. Die Gemeinde Steffenberg sagt überraschenderweise den Mittagstisch „Gemeinsam statt einsam“ ab. Wegen Corona, sicherheitshalber. … Am Abend veröffentlicht das Gesundheitsamt Marburg-Biedenkopf eine Pressemitteilung. Es gibt nun auch im Kreis einen ersten Corona-Infizierten. Es ist eine fünfzigjährige Frau, die zuvor in Südtirol gewesen ist. Das Ergebnis für den Ehemann liegt noch nicht vor.

10. März 2020, Di.
Das hessische Privatradio FFH berichtet inzwischen von zwei Fällen in Marburg-Biedenkopf – Waren das die Niederdietener? Am Abend teilt der Landkreis mit, dass auch der Ehemann positiv getestet wurde. Es gibt hier inzwischen drei Fälle. … Die Massenmedien machen mobil: Das Erste (ARD) sendet einen ersten Corona-“Brennpunkt“ unter dem neuen Titel: „ARD Extra“. Sechs Millionen Zuschauer sehen nach der „Tagesschau“ den Schwerpunkt „Corona in Deutschland – was tun?“ Bald wird es diese Sondersendungen jeden Abend im Ersten und in den Dritten Programmen geben. Corona ist in den Familien angekommen.  #aedial! Als Bedrohung! …. (Hinterländer Geschichtsblätter 2/ 2024, Seite 169-176)

29. Oktober 2023

100 Jahre Radio im Hinterland (Altkreis Biedenkopf)

Es war ein fast hörerfreier Start. Als am 29. Oktober 1923 der „Unterhaltungsrundfunk“ im Berliner Vox-Haus startete, gab es rund 400 registrierte Zuhörer. Die Sendungen waren vor allem in der Hauptstadt zu empfangen. Das Hinterland erreichten sie nicht. Erst die Gründung der „Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG“ in Frankfurt verbesserte seit Anfang 1924 die Empfangssituation im Kreis Biedenkopf, doch sie blieb schwierig. Als 1924 der Gewerbeverein in Biedenkopf „an gewitterfreien Tagen“ die Einwohner mit öffentlichen Veranstaltungen für das neue Medium begeistern wollte blieb die Resonanz gering. Schon kurz nach der Eröffnung wurde die Initiative wieder eingestellt: „Mangels Besuch, wegen zu hoher Unkosten und ungünstiger Witterungseinflüsse“.Das Interesse an der „Radio-Sache“ kam nicht von selbst...." (Hinterländer Anzeiger vom 27. und 28. Oktober 2023)


12. November 2022

Bis ins kleinste Dorf. Radioräume und Strukturen

Die Anfänge des Hörfunks in Deutschland waren eher unauffällig. Der erste Sender stand im Obergeschoss des Berliner Vox-Hauses – und nur die Antennen auf dem Dach zeigten, dass hier am 29. Oktober 1923 ein neues Zeitalter begonnen hatte. Die Sendeleistung betrug 0,25 Kilowatt, die Antennen waren kaum zehn Meter
hoch – und die Bodenwellen verbreiteten sich gerade mal über fünf bis zehn Kilometer. Der Hörfunk war ein reines Großstadtmedium: 94 Prozent der ersten Gebührenzahler kamen aus Berlin. Noch 1924 begannen die Planungen für einen repräsentativen Sendeturm, der die ganze Hauptstadt mit Mittelwellenradio versorgen und gleichzeitig zu einem Wahrzeichen für die Stadt und die neue Funkindustrie werden sollte. Am 3. September 1926 wurde der Berliner Funkturm vor 1.000 Gästen eingeweiht. Er hatte 203.000 Reichsmark gekostet, doch seine Sendeleistung blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Fünf Jahre später konnte auch das von Hans Poelzig entworfene „Haus der Rundfunks“ in der Masurenallee bezogen werden. In der Mitte des fünf Millionen Reichsmark teuren Funkpalastes aus roten Ziegelsteinen dominierte der Große Sendesaal mit mehr als 1.000 Plätzen, drum herum lagen die Büros und Studios. Berlin hatte seinen eigenen, hauptstädtischen Hörfunkkomplex.
Auch die acht Regionalsender, die 1924 in „räumlich improvisierten Verhältnissen“ii ihren Betrieb aufnahmen, saßen in Großstädten. Die Mitteldeutsche Rundfunk AG (MIRAG) begann am 2. März 1924 in der „Alten Waage“ am Markt in Leipzig, die Deutsche Stunde kam in München in Räumen des Verkehrsministeriums unter. Auch in Breslau, Frankfurt, Hamburg, Königsberg, Münster und Stuttgart wurde improvisiert. Doch schon bald wurde es in den Funkhäusern eng. 1926 begann die Schlesische Funkstunde mit dem Bau eines eigenen Funkhauses am Stadtrand von Breslau. Das Gebäude kostete 700.000 Mark und überforderte die arme Gesellschaft hoffnungslos. Bald bauten auch die anderen Sender genuine Funkhäuser: München (1929), Hamburg (1931), Berlin (1931), Königsberg (1933). Die Sender erhielten eigene, funktionsgerecht geplante Gebäude. Sie waren Institutionen. 
Bereits 1924 war klar, dass das Deutsche Reich technisch durch neun Sender nicht abgedeckt werden konnte.... (Bis ins kleinste Dorf. Radioräume und Strukturen. In: Diemut Roether, Hans Sarkowicz, Clemens Zimmermann (Hrsg.): 100 Jahre Radio in Deutschland. Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 2022, S. 30-41)

29. Oktober 2022

Wurzelböden. Vor 50 Jahren: Abiturjahrgang 1972 in Biedenkopf

Irgendwann wurden an der Lahntalschule (LTS) in Biedenkopf die traditionellen Schulbücher durch selbst gekaufte Bücher ergänzt. Sie mussten nach der Lektüre nicht zurückgegeben werden, sondern blieben im Besitz der Gymnasiasten. Nach und nach gesellten sich nun neue Bücher zu den wenigen Kinder- und Jugendbüchern, die ich damals besaß. Am 19. März 1967 wurde ich konfirmiert. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, steht im meiner Konfirmationsurkunde. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6).“ Ich war nun religiös mündig, kirchlich erwachsen, abendmahlberechtig - und besaß eine eigene, nagelneue und teure Bibel. Mein Name war in Gold eingeprägt. Am 8. Juli fuhr meine Klassenstufe nach Glücksburg ins Ferienlager des Kreises Biedenkopf.

Das erste von mir (bzw. meinen Eltern) für den Unterricht erworbene Buch war das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann. Gelesen „Juli 1967“ habe ich damals in das dünne, 55-seitige Büchlein geschrieben. Gelesen, das hieß: ..." (Wurzelböden. Vor 50 Jahren: Abiturjahrgang 1972 in Biedenkopf. In: Hinterländer Geschichtsblätter 3/ 2022, S. 113-118/ Beilage zum Hinterländer Anzeiger)

15. Oktober 2021

„Es kommt ja niemand zum Tanzen“ - Über die Anfänge des Fernsehens im Hinterland

Besucher des Landgrafenschlosses in Biedenkopf konnten am 22. Mai 1953 nicht nur über die Kreisstadt und das Lahntal schauen, sondern in die Welt. Radio Pfeil hatte auf der Schlossterrasse einen Fernsehapparat der Firma Grundig aufgestellt, einen der ersten im Hinterland. Das Fernsehen war in Deutschland noch kein halbes Jahr alt. Weihnachten 1952 hatte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit der Ausstrahlung eines regulären Fernsehprogramms begonnen. Der Empfang auf der Schlossterrasse war an diesem Freitagabend sehr gut – und so konnten die Interessierten nicht nur die „Tagesschau“ (20.00 Uhr) sehen, sondern auch einen Kulturfilm sowie – nach 21.15 Uhr – die dreißigminütige Dokumentation „Endstation Fernsehen. Ein Querschnitt durch 50 Jahre deutscher Funktechnik“. Der Fernsehtag klang mit „Kurt Wege mit seinen Solisten“ (21.45 Uhr) aus. 

Auch in Gladenbach … (Hinterländer Geschichtsblätter 3/ 2021, Seite 81-86)

18. März 2021

Handwerker und Henker auf dem Hof. Hausschlachtung in Niederdieten um 1980

"Als Siegfried das erste Schwein aus dem Stall holte, stand Rudolf abwesend und traurig daneben. Als Herbert die Sau mit einem zwischen den Augen angesetzten Bolzenschuss betäubt hatte, war seine Trauer verflogen, seine Abwesenheit nicht mehr der Situation angemessen. Handlungsort ist Rudolfs Hof, gelegen im Mittelpunkt des hessischen Dorfes Niederdieten. Einsehbar blieb der Vorgang für jeden, der ihn einsehen wollte. Schwierig gestaltete sich die Betäubung des Schweins nicht. Aus dem Stall hervortrottelnd und wenig widerspenstig musste es nur an den dafür vorbestimmten Platz dirigiert werden — eine ehemalige Mistpitze, in der sich seine Vorfahren noch gesuhlt hatten. Instinktiv folgte das Tier ihrer Spur, ahnungslos dem Kommenden ausgesetzt ... "(In: Hinterländer Geschichtsblätter 1/ 2021, S. 65- 68)

19. Januar 2020

Wasser ist zum Baden da. Eine kleine Geschichte der Schwimmbäder im Kreis Biedenkopf

Erinnerung I
Am Anfang war die Blechwanne im Garten meiner Großeltern in Niederdieten. Mitte der 1950er Jahre pumpten sie im Sommer gelegentlich Brunnenwasser in die Wanne. Es war eiskalt. Wir planschten im Wasser, brachten es zum Überschwappen. Rasch wurde es weniger. An der Oberfläche sammelten sich Fliegen und Grassamen. Im Stall standen noch zwei Kühe. Später gingen wir manchmal zum schon lange zugeschütteten „Mehlgrowe“. Das aufgestaute Wasser war vielleicht vierzig Zentimeter tief, es stand fast. Krebsereich, stichlingsreich – und offenbar sehr sauber.

Flüsse, Wehre, Bäche
Flüsse waren auch im Hinterland lange die einzigen öffentlichen Bademöglichkeiten. „Zum Baden“, schrieb 1835 Bezirksarzt Deibel an seine Vorgesetzten, „ist außer der Nähe des Lahnflußes wenig Gelegenheit, und wird, wo es möglich ist, nur von der Jugend und
namentlich von den Knaben benutzt“.
1901 wurde ein „Badeverein“ gegründet. Vorsitzender war Professor Julius Esau, der Direktor des Biedenkopfer Gymnasiums, Gründungsmitglieder waren städtische Honoratioren: Heinzerling, Hosch, Pfeil, Plack, Plitt, Stephani. Die erste „Schwimm- und Badeanstalt“ wurde bei der Obermühle errichtet. Sie war auch während des 1. Weltkrieges geöffnet: für Damen werktags von 9 bis 10 und von 3 bis 5 Uhr, für Herren von 7.30 bis 9, 10 bis 12 und 5 bis 8 Uhr. Und auch die Schüler hatten ihre Zeiten. Lange stand in Biedenkopf das einzige Bad weit und breit ...“ (In: Hinterländer Geschichtsblätter Nr 4./ 2020, S. 25-29)

25. November 2019

Willy Brandt in Biedenkopf. Auftakt zum Kanzler-Wahlkampf 1969

„Der 21. August 1969 war ein Donnerstag, und in Hessen waren noch Sommerferien. Der Ausnahmezustand, in den Andreas Baader, Gudrun Ensslin und rund 200 APO-Aktivisten am 28. Juni das Jugendheim Staffelberg und die Stadt Biedenkopf versetzt hatten, schien vorbei. Auch die Revolte machte Ferien.
Nur Petrus blieb aktiv. Immer wieder regnete es, auch in Biedenkopf. Und dann – mitten im Sommerloch – wurde hoher Besuch angekündigt: Willy Brandt, der SPD-Vorsitzende, Vizekanzler der Großen Koalition, Außenminister und einer der bekanntesten deutschen Politiker kam überraschend nach Biedenkopf. Am 21. August – so meldete der „Hinterländer Anzeiger“ – wolle er um 14 Uhr „ein kurzes Referat über Tagesfragen“ halten und „das SPD-Programm erläutern“---- (Willy Brandt in Biedenkopf. Auftakt zum Kanzler-Wahlkampf 1969. In: Jahrbuch 2020 des Landkreises Marburg-Biedenkopf, S. 203 – 206)

5. April 2019

Es begann in Biedenkopf. Willy Brandt, der Wahlkampfauftakt 1969 und die erste soziallberale Koalition

Der 21. August 1969 war ein Donnerstag. In Hessen waren noch Sommerferien, das Wetter war durchwachsen. Immer wieder regnete es. Vor den großen Ferien waren wir mit der Lahntalschule in La Charité-sur-Loire gewesen und hatten uns dann unsere Mittlere Reife bestätigen lassen. Ein neues Lebenskapitel sollte beginnen, Oberstufe, reformierte Oberstufe. Mittags standen wir in Biedenkopf auf dem Marktplatz. Seit Tagen war der Auftritt eines der prominentesten deutschen Politiker angekündigt und beworben worden: Willy Brandt, SPD-Vorsitzender, Vizekanzler der Großen Koalition und Außenminister sollte um 14 Uhr in der Kreisstadt sprechen. Ein Ereignis.
Vor der „Deutschen Bank“ war ein Rednerpult aufgebaut worden. Gegen 13 Uhr begannen die „Marburger Jäger“ auf dem Marktplatz ihr „Platzkonzert“. Wenig später starteten die ersten Omnibusse in Bischoffen, Hartenrod, Niederhörlen, Elmshausen oder Hirzenhain. Über fünf Linien wurden Interessierte aus dem ganzen Hinterland „kostenlos“ zu der vom SPD-Unterbezirk Biedenkopf organisierten Veranstaltung abgeholt. Eine „vieltausendköpfige Menge“ soll es nach Zählungen des „Hinterländer Anzeigers“ (HA) geworden sein; die „Oberhessische Presse“ sah 3000 Männer, Frauen und viele Kinder. Carl-Christian Kaiser freilich, der für die renommierte Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ aus Biedenkopf berichtete, kam nur auf „vielleicht dreihundert, vierhundert Bürger und Bürgerinnen“ … (Hinterländer Geschichtsblätter 1/ 2019, S. 3-5)

16. Dezember 2018

Als Biedenkopf ganz Hessen weckte. Der 'Frankfurter Wecker' im Hinterland

„1949 lud die amerikanische Militärregierung Eberhard Beckmann, den Intendanten des Hessischen Rundfunks zu einer achtwöchigen Studienreise durch die USA ein. In Kalifornien hörte er die Morgensendung 'Der fröhliche Wecker' und war beeindruckt. Eine ähnliche Sendung wollte er auch für Hessen haben: Sie sollte am frühen Morgen live ausgestrahlt werden, vor Publikum stattfinden - und vor allem unterhalten. Am 4. Mai 1952 wurde der erste 'Frankfurter Wecker' live aus dem Funkhaus in Frankfurt ausgestrahlt. Die Veranstaltungsform war damals ein großes und teures Experiment, doch die Matineen wurden landesweit rasch äußerst beliebt. Wenn der 'Wecker'-Tross in den Sommermonaten mit 20 Lastwagen und mehreren Übertragungswagen auf Reisen ging, so berichtete Rüdiger Knott 2016 in der Radiocollage 'Jenseits der Zentren', dann war das in den hessischen Kleinstädten 'das Kulturhighlight des Jahres'. Am 29. Juni 1953 gastierte der 'Frankfurter Wecker' in Biedenkopf. Es war die erste große Radiosendung aus der Region – und für die 6000 Einwohner eine doppelte Sensation. …„ (Jahrbuch für den Landkreis Marburg-Biedenkopf, S. 181-183).

16. Oktober 2018

Schweigend vor Lautsprechern. Gemeinschaftsempfang 1933 im Hinterland

Nach dem 30. Januar 1933 wurden politische Reden in Deutschland zu einem festen Bestandteil des Rundfunkprogramms. Der nationalsozialistische Reichskanzler Adolf Hitler, Joseph Goebbels oder Hermann Göring kamen so oft und prominent ins Radio, dass Zeitgenossen von einem regelrechten „Trommelfeuer“ sprachen. Auch im Hinterland und in Wittgenstein waren die Reden in Berlin und dann in Köln, Dortmund oder Hamburg live im Radio zu hören. Zu Hause – und gemeinsam in öffentlichen Veranstaltungen. Das war, so der in Biedenkopf geborene Historiker Gerhard Paul in meiner Radiocollage „Jenseits der Zentren“, „etwas vollständig Neues“ … . (HinterländerGeschichtsblätter 3/ 2018 vom 15. Oktober 2018)

5. Mai 2018

Totale Überwältigung. Der 1. Mai 1933 als Propagandatag im Radio

Drei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wollte der noch junge deutsche Rundfunk zeigen, was in ihm steckt - und strahlte am 1. Mai 1933, dem neuen "Tag der nationalen Arbeit", ein 16-stündiges Sonderprogramm aus. Zwischen 8.50 Uhr und 1 Uhr nachts gab es nur ein Thema: Arbeit. Arbeiterdichter lasen, Live-Reportagen oder "Arbeiter- und Kampflieder der SA" waren zu hören, auch das Hörspiel "Symphonie der Arbeit" war im Programm. Es war ein "medialer Paukenschlag", wie die Kulturhistorikerin Inge Marszolek schrieb, und es war eine Generalprobe. Derartiges hatte es noch nicht gegeben. Mittelpunkt des Sonderprogramms waren Live-Übertragungen von zwei Großveranstaltungen in Berlin ... " (epd medien vom 27. April 2018)

10. Januar 2018

Als der Hörfunk ins Hinterland kam – und das Hinterland ins Radio


"Bereits im Juni 1924, zwei Monate nach Start des SWR, versuchte der „Gewerbeverein“ in Biedenkopf „an gewitterfreien Tagen“ gemeinsames Radiohören zu ermöglichen. Ähnlich wie im Kino sollten die Mitglieder für 10 Pfennig Eintritt (Nichtmitglieder: 50 Pfennig) täglich ab 20 Uhr im „Gewerbeschulgebäude“ gemeinsam Rundfunk hören können. Doch das Experiment scheiterte rasch. Schon zwei Tage nach der Ankündigung wurde das Projekt „mangels Besuch, wegen zu hoher Unkosten und ungünstiger Wetterverhältnisse“ wieder eingestellt. Eine Infrastruktur für stabilen Radioempfang war im Hinterland noch nicht vorhanden. Radio war kein Kino, die Lust am reinen, flüchtigen Hören erst schwach ausgebildet, vielleicht sogar fremd. Und nur sehr wenige Biedenkopfer sahen – wie ein unbekannter Leserbriefschreiber - in dem neuen Medium ein neues „Bildungsmittel“, das die Ferne zu den „Mittelpunkten des geistigen und künstlerischen Lebens“ der Weimarer Republik mildern könnte. ..." (Jahrbuch für den Landkreis Marburg Biedenkopf 2018)

11. August 2017

Als Biedenkopf ganz Hessen weckte. Der 'Frankfurter Wecker' kommt in den 50er und 60er Jahren mehrfach aus dem Hinterland

1949 lud die amerikanische Militärregierung Eberhard Beckmann, den Intendanten des hessischen Rundfunks zu einer achtwöchigen Studienreise durch die USA ein. In Kalifornien hörte er die Morgensendung „Der fröhliche Wecker“ und war beeindruckt. Eine ähnliche Sendung wollte er auch für Hessen haben: Sie sollte am frühen Morgen live ausgestrahlt werden, vor Publikum stattfinden - und vor allem unterhalten.
Am 4. Mai 1952 wurde der erste „Frankfurter Wecker“ live aus dem Funkhaus in Frankfurt ausgestrahlt. Die Veranstaltungsform war damals ein großes und teures Experiment, doch die Matineen wurden landesweit rasch äußerst beliebt. Wenn der „Wecker“-Tross in den Sommermonaten mit 20 Lastwagen und mehreren Übertragungswagen auf Reisen ging, so berichtete Rüdiger Knott 2016 in meiner Radiocollage „Jenseits der Zentren“, dann war das in den hessischen Kleinstädten „das Kulturhighlight des Jahres“.(Hinterländer Anzeiger vom 5. August 2017).
 

6. April 2017

Als das Radio ins Hinterland kam. Von der ersten Hörfunksendung bis zur Idee des Volks-Fernsehers

Am 29. Oktober 1923 startete der Hörfunk in Deutschland und vielleicht 500 Menschen in und um Berlin konnten die ersten Sendungen aus dem Vox-Haus hören. Ein halbes Jahr später, am 1. April 1924 folgte die Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG (SWR) in Frankfurt. Ihr Hörfunkprogramm konnte vor allem im Großraum Frankfurt-Kassel empfangen werden - und damit auch im Hinterland.
Anfang 1924 erschienen die ersten Anzeigen für Hörfunkgeräte im "Hinterländer Anzeiger". Radio war von einem Massenmedium noch weit entfernt - und so war es auch nicht besonders überraschend, dass zunächst Radiohändler aus Großstädten annoncierten. "Rud. Mosse" aus dem fernen Frankfurt inserierte im Hinterland, Jakob Bastians Nachfolger (Wetzlar) und die "Südwestdeutsche Radio-Amato-Gesellschaft". Der "Radio-Vertrieb Th. Steinheim & Söhne" (Frankfurt) bot "sämtliche Apparate und Einzelteile" an. "Verlangen Sie unsere Preisliste gratis" ....(Hinterländer Geschichtsblätter vom 31. März 2017)

10. März 2017

Jenseits der Zentren. Radio in Wittgenstein und im Hinterland

Mitte 2016 begann im Internationalen Radiomuseum in Bad Laasphe das Pilotprojekt „Radio in Wittgenstein und im Hinterland“. Die beiden Regionen liegen zwischen Siegen und Marburg im östlichen Nordrhein-Westfalen und im westlichen Hessen.
Die Radiocollage „Jenseits der Zentren“ schildert mehr als 90 Jahre Radiogeschichte. Sie entstand unter der Leitung des Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Krug und in Zusammenarbeit mit der Servicestelle Bürgerfunk Siegen-Wittgenstein und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Es ist die erste Geschichte des Radios in dieser Region, vermutlich die erste Radiogeschichte einer Region überhaupt. Mitwirkende waren: Heinz Willi Bach, Hochschullehrer und 1967 Piratenfunker in Marburg; Otto Düsberg, Bürgermeister a.D. in Bad Laasphe; Rüdiger Knott, in den 1950er Jahren Journalist in Frankenberg und ehemaliger Leiter von NDR 90,3; Hans-Jürgen Krug, Medienwissenschaftler und im Hinterland aufgewachsen; Hans Necker, Direktor des Radiomuseums in Bad Laasphe; Gerhard Paul, in Biedenkopf aufgewachsen und zuletzt Professor für die Didaktik der Geschichte in Flensburg; Werner Reichel, Steinmetz, 80 Jahre und Geschichtenerzähler; Waltraud Schäfer, stellvertretende Landrätin des Kreises Siegen-Wittgenstein.
Ursendung: Radio Siegen, Bürgerfunktermin (18. November 2016, 20.03 Uhr - 21 Uhr). Wiederholungen: Tide 96.0, Hamburg (30. November 2016 und 29. Dezember 2016) und Radio Unerhört Marburg (12. Januar 2017). Öffentliche Uraufführung: Internationales Radiomuseum, Bad Laasphe (1o. März 2017)
Reaktionen:
"Eine spannende Zeitreise durch 90 Jahre Radio" (Patrick Friedland, derwesten)
"Wer Gelegenheit hat ... Krugs Feature zu hören, sollte es tun" (Christian Bartels/ epd medien)

29. November 2016

Busen, Blut und blaue Bohnen. Als die Sexfilme (auch) ins Hinterland kamen

Ende der 1960er Jahre veränderten sich die kleinstädtischen Öffentlichkeiten. Die sexuelle Revolution kam in den Kinos an - und die Sexbilder, die bisher unter Ladentischen verkauftworden waren, wurden nun auch im Hinterland für jeden sichtbar. Noch wurden sie eher verschämt und fast heimlich in den Ecken der Kinoschaukästen gezeigt. Aber sie waren da. Und sie wurden zur Begleiterscheinung des modernen Aufwachsens. Ich erinnere mich noch gut, wie wir die Nasen an den Ausstellungsfenstern des Royal-Theaters am Biedenkopfer Marktplatz plattdrückten. Nach der Schule, wenn wir auf den Bus warten mussten. Oder wenn wir Schutz vor Regen suchten. Was sich
hinter den Fotos verbarg, sollte uns noch lange verborgen bleiben. Die offenherzigen Filme waren erst ab 18 freigegeben. Erwachsenenware. ... (Heimat an Lahn und Dill vom 26. November 2016)

11. Dezember 2015

"Das schönste Geschenk: Ein Radioapparat" - Der Rundfunk kam vor acht Jahrzehnten ins Hinterland

Am 29. Oktober 1923 startete der Hörfunk in Deutschland und vielleicht 500 Menschen in und um Berlin konnten die ersten Sendungen aus dem Vox-Haus hören. Ein halbes Jahr später folgte die Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG in Frankfurt. Ihr Hörfunkprogramm konnte vor allem im Großraum Frankfurt-Kassel empfangen werden - und damit auch im Hinterland. Ende 1924 erschienen die ersten Anzeigen für Hörfunkgeräte im "Hinterländer Anzeiger". Radio war noch längst kein Massenmedium - und so war es auch nicht besonders überraschend, dass ein "Radio-Vertrieb Th. Steinheim & Söhne" im fernen Frankfurt den Hinterländer Lesern "sämtliche Apparate und Einzelteile" anbot. "Verlangen Sie unsere Preisliste gratis". 
Wie viele Hörer im Hinterland bereits 1924 Radiogeräte und eine Lizenz zum Hören besaßen, ist unbekannt. Aber es gab sie. ... (weiter) (Hinterländer Anzeiger vom 12. Dezember 2015)